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Paradigmenwechsel?

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Mit der Bolognareform, die nunmehr seit ca. 10 Jahren in Kraft ist, verbindet sich ein so genannter Paradigmenwechsel, der in einem Wandel von der Lehrer- zur Lernerorientierung bestehen soll. Diese Forderung ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert:

1. Der Begriff „Lernerzentrierung“ erstaunt schon allein deshalb, weil er offenkundig den des Studierenden abzulösen trachtet, der bislang die Rolle des- oder derjenigen beschreibt, die sich in einen akademischen Kontext zwecks Ausbildung  begeben. So antiquiert der Begriff des Studierenden  auch scheinen mag, so  instruktiv ist er zugleich: Etymologisch betrachtet leitet er sich aus dem Lateinischen „studere“  ab, was so viel heißt wie sich bemühen, um etwas befleißigen oder anstrengen. Dieser ursprüngliche, auf Anstrengung hin angelegte Begriffssinn wird durch die technozentrische Vorstellung des Lernens ausgetauscht, d.h. der Fokus wird auf einen innerpsychischen Vorgang, der in der Terminologie psychologischer Lerntheorien beschrieben werden kann,  gelegt.  Sicherlich haben diese Theorien im Laufe ihrer Geschichte eine Reihe von wertvollen Hinweisen zur Aufklärung der Frage geliefert, auf welche Weise Menschen lernen,  ohne jedoch bislang der Natur dieses Vorgangs,  die letzten Geheimnisse entrissen zu haben. Das gilt auch für die so genannte Hirnforschung[1], die ihre „Erkenntnisse“ auf bildgebende Verfahren stützt und anhand des Sauerstoffverbrauchs im Hirn Aktivitätspotenziale „erkennt“, die insbesondere bei Pädagogen Anlass zu weitreichenden Spekulationen führen und in Thesen gipfeln, dass man nun endlich wüsste, wie „hirngerechtes Lernen“ funktioniert (vgl. u.a. Spitzer 2002, Hüther 2009, Birkenbihl 2001).  Davon kann keine Rede sein.  „Die bisherigen Diskussionen zur pädagogischen Relevanz der Hirnforschung zeichnen sich durch ein rein rezeptiv-interpretatives Vorgehen aus, d.h. bereits existierende Ergebnisse und Modelle werden aufgenommen und aus dem Blickwinkel pädagogischer Fragen interpretiert. Das ist aus mehreren Gründen problematisch. Denn zum einen ist bei der Generalisierung von Befunden aus der Grundlagenforschung Vorsicht geboten (das gilt übrigens nicht nur für tierexperimentelle Forschung, sondern auch für Ergebnisse aus dem klinischen Bereich), zum anderen fehlt neurowissenschaftlichen Untersuchungen — selbst wenn sie unter dem Stichwort „Lernforschung“ firmieren — jeglicher pädagogischer Bezug“  (Becker 2006). Lernen – so kann man feststellen – ist eine Funktion bzw. Tätigkeit des Gehirns, die immer dann ausgeführt wird, wenn Altbekanntes fragwürdig wird. Es beginnt dort und dann,  „wenn das Vertraute seinen Dienst versagt und das Neue noch nicht zur Verfügung steht: denn die alte Welt ist sozusagen aufgegeben und eine neue existiert noch nicht. Der Weg führt nicht von Schatten ins Licht, sondern endet zunächst in einem Zwielicht, auf einer Schwelle zwischen nicht mehr und noch nicht“ (Meyer-Drawe 2008, S.15). Mit hirngerecht hat das nichts zu tun. Formulierungen dieser Art sind reine Effekthascherei und dienen einer publikumswirksamen Selbstinszenierung, die fragwürdige Behauptungen durch vorgeblich naturwissenschaftliche Tatsachen stützen soll. Das, was die bildgebenden Verfahren bislang zu Tage gefördert haben, ist wenig.  Sie beglaubigen im Prinzip nur, was die Reformpädagogik seit Jahrzenten an Einsichten bereithält. Neu ist möglicherweise, dass deren Erkenntnisse nun auch in Bildern „nachgewiesen“ werden können. Was die Hirnforschung indessen definitiv nicht leistet ist, dass sie das Geschehen auf zellulärer Ebene abbildet und also die Frage beantwortet, was die Konsumtion von Oxygen für eine zelluläre Bewandtnis hat. Das „Fotografieren von Gedanken“, so kann man feststellen,  ist selbst noch kein Gedanke.

2. Rekurriert man auf das einfache, aber dennoch grundlegende Schema der Didaktik, dann geht es beim Lehren und Lernen stets um die Relation von mindestens drei Elementen: a) Lehrer, b) Lerner und c) Stoff oder Inhalt. Interessant ist, dass bei der Forderung nach Lernerzentrierung, der Inhalt keine Rolle spielt, obwohl doch gerade er es ist, der im Zentrum der Vermittlungsarbeit steht. Die zentrale Frage aller Vermittlungsbemühungen  ist, welche Anforderung der Inhalt stellt, was die Voraussetzungen dafür sind, ihn  sich zu eigen zu machen, wie er aufbereitet, dargeboten werden muss etc. .  Auf diese Grundfrage gibt der Paradigmenwechsel keine Antwort. Er beschränkt sich auf das rein interpersonale Geschehen, das sicher bedeutsam, aber nicht allein ausschlaggebend für das Lehren und Lernen ist. Aus didaktischer Perspektive besteht das zentrale Thema in der Triangulation der drei Komponenten Lehrer, Lerner und Stoff. Weder eine reine Stoff- noch eine dominante Lehrer- oder Subjektorientierung werden dieser Thematik gerecht. Man hat den Eindruck, dass die geforderte Lernerorientierung die eine Vereinseitigung gegen die andere austauscht.


[1] Zur Auseinandersetzung mit den Neurowissenschaften vgl. u.a. Bennet /  Hacker (2010)  und Becker (2005).

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Written by burklehmann

29. Juli 2010 um 9:23 am

Veröffentlicht in Bildung

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