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Das Krähen der Streithähne

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Wenn man ein Buch zur Hand nimmt, sucht man nach Spannung, Unterhaltung und vielleicht einen Schuss Romantik, der vom Alltag ablenkt, eine Liebesgesichte vielleicht. Wer will schon mit Zank und Streit belästigt werden, von dem es genug um uns herum gibt. Die Antwort, warum man Zankls Streithähnebuch dennoch lesen muss, ist schlicht die: Wiedermal ist es ihm gelungen, die Akteure des Wissenschaftsbetriebs von ihrer ganz menschlichen Seite zu zeigen. Diesmal in ihrer Streitlust oder Streitsucht, als Leute halt, die über nicht weniger menschliche Schwächen verfügen, wie andere auch. Und er hat sich nicht die kleinen Epigonen des Betriebes ausgesucht, die als Brotwissenschaftler ihr Dasein auf dem Campus fristen, weil Wissenschaft bloß ein Job für sie ist. Ganz im Gegenteil: Die Galerie seiner Streithähne schmücken herausragende Forscherpersönlichkeiten, die es geschafft haben, in den Olymp der Unsterblichkeit einzugehen, da sie Einsichten und Ergebnisse hinterlassen haben, die ganz und gar unvergleichlich sind.

Es sind 32 Kurzgeschichten, die Zankl erzählt. Was man bei deren Lektüre erfährt, ist, dass es die Herrschaften Professor und Professorin keinesfalls beim „Argumentum ad rem“ (dem Sachargument) haben bewenden lassen, sondern in ihren Angriffsreden zum Teil kräftig unter die Gürtellinie zielten und sich des „Argumentums ad hominem“ bedienten. Hobbes zum Beispiel, vom dem die Überzeugung stammt, dass der „Mensch dem Menschen ein Wolf ist“, handelt sich von seinen Kritikern den Titel „hobglobin“ ein, was übersetzt „Schreckgespenst“ heißt. So angegriffen – und nicht gerade ein Kind von Traurigkeit, teilte er nicht weniger unflätig aus. „So geht denn hin, ihr ungebildeten Ekklesiaten, unmenschlichen Theologen, Moralprediger, dummen Kollegen..“. Dem wissenschaftlichen Fortschritt hat dererlei Gezänk und wechselseitige Beschimpfung nicht geschadet. Ganz anders sieht die Sache allerdings bei Semmelweis aus. Für „einseitig und beschränkt“ hielt man seine Einsicht, dass die strikte Einhaltung von Hygienevorschriften maßgeblich die Sterblichkeitsrate durch das Kindbettfieber senkt. Hätte man damals weniger gegen den Mann polemisiert und seine Erkenntnis akzeptiert, hätten das viele Frauen und Kinder nicht mit ihrem Leben bezahlen müssen. Am tollsten mit den Streitereien hat es wohl Freud getrieben, der sich mit nahezu jedem seiner Schüler so richtig verkrachte, obwohl er doch die Seele des Menschen ergründen wollte. Das ist alles schon lange her. Geschichten aus der jüngeren Zeit, die im Buch ihren Platz gefunden haben, sind der Streit um den Klimawandel oder die Frage danach, wer den Reichstag angezündet hat. Waren es die Nazis oder etwa der bezichtigte und dafür hingerichtete Holländer?
Was man aus all der Lektüre lernen kann, ist dies: Wissenschaftliche Bildung bedeutet nicht zwangsläufig Persönlichkeitsbildung. Manche Koryphäe mag es zwar zu unsterblichem Ruhm gebracht haben, und aus den Annalen der Wissenschaft nicht wegzudenken sein. Hinter den Ruhmesblättern verbirgt sich aber nicht selten ein schräger Vogel, der es an persönlicher Noblesse vermissen lässt.

Die Lektüre ist für jeden geeignet und uneingeschränkt empfehlenswert.

Heinrich Zankl: Kampfhähne der Wissenschaft: Kontroversen und Feindschaften. Wiley-VCH Verlag. Preis 24,90

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Written by burklehmann

31. Oktober 2010 um 6:55 pm

Veröffentlicht in Bildung, Literatur

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